Bildbearbeitung mit dem Handy: meine App-Empfehlungen 10


Samsung Note2 mit Snapseed

Heutzutage hat ja nicht nur jedes Mobiltelefon eine eingebaute Kamera, auf modernen Smartphones kann man die Fotos, die man mit dem Handy geknipst hat mit verschiedenen Apps bis zur Unkenntlichkeit nachbearbeiten. Die Leistungsfähigkeit mancher App kommt an die Qualität der Bildmanipulationen ran, die man auf dem Desktoprechner mit großen Programmen wie Photoshop erzielen kann. Die Bedienungsfreundlichkeit dieser Apps schlägt dabei die „großen“ Programme um Längen. Natürlich kann man alles, was so eine App kann, auch in Photoshop bewerkstelligen, und natürlich ist Photoshop genauer, sauberer, diffiziler – aber eben auch unendlich umständlicher, die Lernkurven sind nicht zu vergleichen.

Würde ich alle Effektfotos, die ich inzwischen mit dem Handy gemacht habe und auf Plattformen wie Eyeem oder Instagram veröffentlicht habe, auf dem heimischen Rechner machen wollen, ich hätte nicht einmal ein Zehntel der Menge veröffentlicht. Für mich habe ich da denn auch einen völlig unterschiedlichen Umgang mit Fotos ausgemacht, der sich ursprünglich hauptsächlich aus eben dem technischen Unterschied zwischen „mal eben mit dem Handy“ und „Ernsthafte Nachbearbeitung auf dem Desktop-Rechner“ ergab, aber sich tatsächlich zu einem Unterschied auch in der „Haltung“ entwickelte.

Während ich Fotos, die ich mit der großen Kamera mache, für den Gebrauch als „richtiges“ Foto normalerweise so nachbearbeite, dass ich versuche, so nah wie möglich an das heran zu kommen – oder das herauszustellen – was ich in der Situation, als ich das Foto machte, tatsächlich gesehen habe, also eine Darstellung suche, die deutlich zeigt, warum ich gerade dieses Foto gemacht habe (was durchaus auch bedeuten kann, dass ich die dynamischen Möglichkeiten einer RAW-Aufnahme weidlich nutze, so dass das Ergebnis weit weg von den dynamischen Begrenzungen eines Fotosensors und viel näher an denen eines menschlichen Auges liegt – ich schrob darüber hier), liebe ich es, Bilder, die ich mit dem Handy gemacht habe, aber auch „richtige“ Fotos, die eigentlich schon normal  bearbeitet auf Ipernity liegen mit den Apps, die ich auf meinem Smartphone habe, tatsächlich zu verfremden, bis hin zu Ergebnissen, die kaum mehr erkennen lassen, dass es sich eigentlich mal um ein ganz „normales“ Foto handelte.

Samsung Note 2, grottiges Rauschen, schlechte Farben durch zu hohen automatischen ISO, nachbearbeitet mit PicsPlay und Snapseed

Ergeben hat sich das aus der Notwendigkeit, die sich zunächst aus der schlechten Qualität von Handyfotos ergab – Rauschen, schwierige Dynamiken, mangelnde Tiefenschärfe bzw. fehlendes Bokeh (was soll man von einer Millimeter großen Linse auch erwarten) – und auch, wenn die Kameras in den High-End-Smartphones inzwischen im Vergleich zu von vor nur ein paar Jährchen immense Qualitätssprünge gemacht haben, so dass sie sich gegenüber günstigen normalen Digiknipsen kaum mehr zu verstecken brauchen – was manchen Journalisten in manchen Techie-Zeitschriften schon dazu brachte, das „Ende der normalen Fotokamera“ zu verkünden, was aber freilich Unsinn ist für jeden Menschen, der tatsächlich auch nur ein kleines bisschen mehr Qualität von seinen Urlaubserinnerungen erwartet und diese Fotos auch in ein paar Jahren noch mit Freude ansehen möchte, aber lassen wir das – es sind nun mal winzige Löcher und winzige Sensoren mit entsprechend wenigen Möglichkeiten, da irgendwas vernünftig zu justieren. Bei schönem Wetter draußen OK, aber sobald es etwas schummriger wird oder auch greller, oder ein Hintergrund unruhiger usw. weiß man, was man an einer „richtigen“ Kamera hat.

Ich habe dabei wirklich viele Android-Apps (ich nutze seit 2009 Android-Smartphones, entsprechend kann ich leider nur für dieses System mit Erfahrungen dienen) durchprobiert, es gibt eine Menge richtig gute und alle haben so ihre Stärken und auch Schwächen. Ich hatte lange Zeit Vignette als quasi Standard-App, sehr schöne Filter und sehr gute Qualität der Bearbeitungen, aber es blieb bei der Bedienungsfreundlichkeit irgendwann stehen und wurde in diesem Punkt von vielen anderen Apps überholt und sogar überrundet. Es gibt mit eyeem und instagram und path und wie sie alle heißen Apps, mit denen man Bilder teilen und zeigen kann und die eine Handvoll Filter mitbringen, die aber „one-click“-Filter sind, heißt, anwenden oder nicht anwenden, ohne Möglichkeit zu Abstufung oder Kombination. Nett, aber keine Bildbearbeitung in dem Sinne. Ich bin inzwischen bei hauptsächlich zwei Apps hängengeblieben, die ich mehr oder weniger ausschließlich bzw. als Standards für die Bild(nach)bearbeitung nutze, auch um Bilder, die ich dann auf Instagram oder eyeem hochlade zu bearbeiten:

PicsPlay: universell und umfassend (Google Play Store – Pro-Version kostet was)

PicsPlay ist ein Alleskönner und – interessant für alle, die gern mit Photoshop arbeiten und sich mit den entsprechenden Werkzeugen auskennen – die einzige App, die ich kenne, die Gradationskurven und Tonwertkorrektur am Histogramm anbietet. Für mich war alleine das schon das Killerkriterium für diese App, weil für mich diese Werkzeuge essentiell sind für eine Bildbearbeitung, die diesen Namen verdient.

Neben den tatsächlichen Bildbearbeitungswerkzeugen fährt PicsPlay eine Unzahl von Filtern auf, von Verschönerung über Vintage- und Stilfilter bis hin zu Verfremdungen, deren Intensität jeweils per Schieberegler justiert werden können. Ebenfalls können nach Anwendung eines Filters weitere Filter oder Werkzeuge angewendet werden. Es gibt ein UnDo und natürlich kann ein Bild nicht nur abgespeichert sondern über die Android-übliche Share-Funktion direkt weiterverteilt werden. Man kann Texte eingeben und vielen anderen Schnickschnack hinzufügen.

Natürlich ist auch PicsPlay nicht perfekt und hat ein paar Punkte, wo ich mir Verbesserungen wünsche: die Möglichkeiten für Rahmen sind ein schlechter Witz, das ganze Feature hätten sie besser einfach weggelassen, da kenne ich kaum Apps, die in dem Punkt noch weniger böten. Auch die Größenbeschränkung selbst in der Pro-Version (die kostenlos-Version ist in dem Punkt noch stärker eingeschränkt) ist für heutige Smartphones mit entsprechend großem Arbeitsspeicher nicht mehr zeitgemäß, da wünschte ich mir, dass man das in den Einstellungen entsprechend freischalten könnte, wenn man ein Gerät hat, das mit entsprechenden Datenmengen auskommt.

Snapseed: schnell, einfach, benutzerfreundlich (Google Play Store – kostenlos)

Snapseed ist das schnelle Schweizer Taschenmesser und liegt in seiner Bedienungsfreundlichkeit meilenweit vor allen anderen Apps, die ich kenne – in keiner anderen App ist es möglich so schnell wirklich gute Ergebnisse hinzubasteln. Durch das hintereinander Anwenden der verschiedenen Filter (ich beginne meist mit „Tune up“ und knall dann diverse andere Verfremdungen drüber, oft mehrere hintereinander, z.B. erst Grunge, dann Drama, dann Center Focus, drüber, um am Ende mit „Tune Up“ nochmal den letzten Schliff zu geben) kann man von einfachen Verbesserungen der Dynamik und Farben bis hin zu völligen Verfremdungen alles mögliche mit den Bildern machen. Sehr toll ist auch die „Selective Adjust“-Funktion, wo man nur bestimmte Stellen bearbeiten kann.

Auch Snapseed hat freilich Grenzen, so wünsche ich mir, dass endlich auch einmal der Speicherort frei wählbar wird und auch hier die Größenbeschränkung fällt. Und dass man für Detailbearbeitungen auch mal in einen Bildausschnitt reinzoomen könnte. Gerade für den Schärfen-Filter wäre das nötig, mit der kleinen Bildvorschau ist dieser Filter mehr oder weniger ein Blindflug.

Odenwald

1/50 • f/4.0 • 16.0 mm • ISO 100
NIKON CORPORATION NIKON D800

Gemalt

…mit Snapseed bearbeitet


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10 Gedanken zu “Bildbearbeitung mit dem Handy: meine App-Empfehlungen

  • hufner

    Haargenau! Diese Effektfilter-Fotokunst aus Smartphones ist ein Genre für sich. Ich schätze, die Kombination der Filter geht gegen unendlich in den Ergebnissen. Bei WindowsPhone 7.5 gibt es ein ebenso simples wie effektives Tool: Lomogram. Auf Android bin ich gerne mit Vignette dabei (Pro-Version nicht kostenlos).

    Das Beispiel mit dem Foto aus der Nikon ist ganz toll. Man sieht halt, wo es hingeht: Vom Prinzip in Richtung Malerei, also Pictorialismus …

    • Sven

      Genau, so seh ich das auch. Zwei völlig verschiedene Baustellen. Und ja, Vignette ist super. Theoretisch. Ich habs auch noch immer nicht übers Herz gebracht, es zu deinstallieren, obwohl ichs kaum mehr benutze. Ich hoffe so, dass die Entwickler sich nochmal ransetzen und die Bedienung komplett überarbeiten, genug Beispiele, wie man Usability bei solchen Apps hinbekommt gibts ja inzwischen, die einen da inspirieren können.

  • rollinger

    Ich empfehle euch alle drei Module von Pixlr:
    Die Sachen von Pixlr sind große Klasse und trotzdem kosten die nichts. Sind auch fürs’s Handy zu bekommen aber mein Wildfire ist da eher RAM schwach 🙂
    Eine Grafikverarbeitung die fast alles kann. Es gibt drei Module.
    Der Editor hat es fett drauf und kann alle Basics, der Express ist zum Verfremden und fürs Handy habe ich gerne den Pixlr-O-Matic. Ich liebe es die Bilder im Random zu bearbeiten. Man hat seine Effekte und kann auswählen, man kann aber auch einfach immer wieder auf Random klicken und manchmal kommen da Dinge auf die man nie gekommen wäre. Sehr experimentell aber das ist wie ihr schon sagtet auch genau diese Baustelle
    http://pixlr.com/

    PS: Snapseed läuft bei mir nicht.

      • rollinger

        Gerne. Die Not macht oft mal erfinderisch. Auf Arbeit würde man mir am liebsten nur Windows Paint geben.
        Aber mit diesem tool komme ich gut durch 🙂 Es ist erstaunlich was man da umsonst bekommt. Keine Ahnung wie so etwas rentabel ist.

    • Sven

      Ja, Pixlr hab ich auch drauf. Nutze ich aber schon einige Zeit kaum mehr, ich bin mit snapseed einfach inzwischen viel schneller und finde die verschiedenen Detail-Regler innerhalb der verschiedenen Filter sehr genial, also dass man nicht nur einen Filterbaustein mehr oder weniger reindrehen kann sondern die Elemente und Parameter, die den Filter ausmachen, verdrehen kann (also mehr oder weniger Sättigung, Kontrast, Vignette etc. pp. innerhalb eines einzelnen Filters, so dass so ein einzelner Filter selbst nochmal in tausende verschiedene Richtungen verändert werden kann. Du würdest das Teil lieben, eine Schande, dass es auf deinem Gerät nicht läuft 🙁

  • sven Autor des Beitrags

    Nachtrag zu Snapseed: inzwischen wurde die App stark überarbeitet, es ist jetzt möglich ins Bild hinein zu zoomen (was den Punkt „Schärfen“ endlich benutzbar macht) und es wurden Bildbearbeitungen und reine Filter etwas sauberer voneinander abgesetzt und dabei um einige sehr schöne Funktionen erweitert. Und es gibt jetzt eine schrittweise Undo-Möglichkeit. Nach wie vor für mich die App, die die beste Usability bietet, die ich bei Bildbearbeitungs-/Bilmanipulationsapps kenne.