Kritische Massen 3


Ich will heute mal ein Reizthema ansprechen: Die Sache mit der Kritik. Also die öffentliche Kritik, die Menschen unter Bilder anderer Menschen schreiben, auf ipernity, flickr oder ähnliche Foto-Portale, auf denen Leute ihre Fotos präsentieren. Oder auch auf Blogs.

Es gibt da ja zwei Fraktionen, natürlich mit Schnittmengen und fließenden Übergängen, aber vereinfacht ausgedrückt sagen die einen „Wenn mir etwas negativ auffällt, dann sag ich das der/demjenigen, wer seine Bilder öffentlich zeigt muss das aushalten können und es hilft diesen ja, vielleicht in Zukunft Fehler zu vermeiden“ und die anderen „Ich nörgle nicht Leuten, die ich nicht kenne, ungefragt an ihren Bildern herum, weil ich niemanden demotivieren möchte“.

Entsprechend dazu gibt es diese jeweiligen Vorlieben auch bei den Fotograf_innen selbst, also die, die rein positive Kommentare unter Bildern, von denen sie selbst wissen, dass sie Mängel haben, als „Schleimerei“ empfinden und das nicht als „richtige Kritik“ empfinden, und solche, die sich von negativen Kommentaren verunsichern lassen, sie als übergriffig empfinden und denen sowas deshalb auch nicht wirklich hilft.

Nun, gerade im deutschen „Kulturraum“ wird hinter dem Wort „Kritik“ tatsächlich eher die „Benennung von Mängeln“ verstanden. Das bewerte ich nicht, das ist einfach eine Feststellung. Wenn ich im deutschen Sprachraum um Kritik bitte kann ich zu 99,9%er Sicherheit davon ausgehen, dass mein Gegenüber ein ernstes Gesicht macht, mit der Stirne runzelt, „Hmmmm…“ sagt, und nach scharfem Blick und kurzer Überlegung tatsächlich beginnt, eine Mängelliste aufzuzählen. Und zwar egal, wie gut das zu kritisierende Objekt neben diesen Mängeln ist. Und ich kann mir auch ziemlich sicher sein, dass das mein Gegenüber auch wirklich etwas findet, denn die Aufforderung war ja die, zu kritisieren, und da sucht man eben auch wirklich so lange, bis man etwas gefunden hat.

In anderen Kulturräumen ist das anders, ich kenne zum Beispiel den angelsächsichen recht gut. Dort ist die Chance sehr hoch, dass unter der Aufforderung zu „Criticism“ zunächst einmal sogenannter „supportive criticism“, also „unterstützende/aufbauende Kritik“ verstanden wird. Und selbst, wenn sich ein angelsächsischer Gegenüber bemüßigt fühlt, direkt nach der Frage „Und? Was meinst du dazu?“ auch einen Mangel zu benennen, wird er mit hoher Wahrscheinlichkeit zunächst eine Aufzählung dessen, was ihm gefällt und was er „großartig“ findet vorwegschicken, bevor er einen Mangel benennt, den er aber selbst tendenziell nochmal dadurch relativiert, indem er ihn in ein „overall positive“ Feedback verpackt.

Auf Menschen, die im deutschen Kulturraum geprägt wurden und mit der dortigen Form der „Kritik“ aufgewachsen sind und diese deshalb mehr oder weniger als „normal“ empfinden und gewohnt sind, macht diese angelsächsiche Form der Kritik oft einen oberflächlichen Eindruck, ich hörte, wenn ich selbst diese (von mir inzwischen sehr geschätzte) Form der Kritik ausübe, oft regelrecht enttäuschte Reaktionen im Sinne von „Aber das ist doch nicht nur alles toll an dem Ding, gibts denn nichts zu bemängeln?“.

Wenn das von der Person kommt, zu deren Arbeit ich da was gesagt habe, ist das dann OK, dann sehe ich das als Aufforderung, ebenjene Mängel ebenfalls zu benennen.

Aber oft kommt eine solche Reaktion auch von „Zuschauern“, also Menschen, die gar nicht betroffen sind. Das finde ich dann immer recht interessant, zeigt es doch, wie tief diese „Mängel-Kritik“ hierzulande als „normal“ empfunden wird und eine Abweichung von dieser Norm dann folgerichtig als „das ist doch keine richtige Kritik“ wahrgenommen und empfunden wird, bis hin zu solchen Urteilen wie „Schleimerei“ oder dass man „unehrlich“ sei, als ob die Betonung dessen, was einem gefällt, ohne gleichzeitig dazu zu sagen, was einem nicht gefällt, „gelogen“ sei, also das, was mir da „angeblich“ gefällt, dadurch nicht die „Wahrheit“ sei, weil ich eben nur das Kund tue. Ich finde so eine Sichtweise inzwischend zunehmend irritierend, die quasi nur den Mangel als „Ehrlichkeit“ anerkennt.

Speziell, wenn ich den Menschen nicht wirklich kenne, weil es einfach irgendwer auf einer Community-Platform im Internet ist, oder nur flüchtig, habe ich ja keine Ahnung, wie dieser Mensch mit negativem Feedback umgeht, ob ich ihn demotiviere oder ich ihm sonstwie zu nahe trete. Wenn ich jemanden persönlich kenne, gar befreundet bin, dann mag das ein bisschen anders sein, weil ich diese Person besser einschaätzen kann oder konkret schon weiß, welche Form von Kritik sie bevorzugt, aber selbst solchen gegenüber würde ich nie ungefragt(!) irgendwelche Negativkritik rüberwerfen an Dingen, die dieser Mensch da einfach für sich und weil er Spaß dran hat tut.

Ich habe diese angelsächsische Form (ich nenne das mal so, vereinfachend) der Kritik bewusst kennengelernt in einer weltweit besetzten Community von Musikern, die sich jeden Februar online „treffen“, um in diesem Monat Lieder zu schreiben. Die Veranstaltung heißt „FAWM“ – „February Album Writing Month“, und dort finden sich jedes Jahr aberhunderte Menschen aus aller Welt ein, von absoluten „Profis“ bis zu blutigen Laien, die sich gegenseitig ihre Werke vorspielen. Das Ziel ist, 14 Songs in 28 Tagen zu schreiben und idealerweise auch Aufnahmen davon bereit zu stellen. Gerade die Nicht-Profis würden, wenn dort die „deutsche“ Kritikkultur herschte, dort völlig demotiviert werden, so aber, indem man ihnen sagt, an welchen Punkten ihrer Songs, sei es Texte, sei es ein Instrument, oder das Arrangement, oder auch die Aufnahme, ihre Songs „gut“ sind, motiviert sie das ungemein, den nächsten Song „besser“ hinzubekommen, und meist schaffen sie das auch, eben weil die von Leuten auf ihre Stärken hingewiesen wurden.

Es ist nämlich meiner Erfahrung nach so: Menschen, die ambitioniert sind, etwas „Gutes“ zu bewerkstelligen, sind im Normalfall überkritisch (im „Mängel“-Sinne) sich selbst gegenüber. Sie wissen meist ganz genau, wo es hakt, was ihnen nicht gefällt an ihren Ergebnissen, und das verunsichert sie sowieso schon genug.

Ich muss keinem Menschen, der Musik aufnimmt und im Takt wackelt, sagen „Hey, du stolperst aber ganz schön heftig!“ – das weiß diese Person normalerweise selbst. Ich muss auch nicht unter ein Foto, in dem der Himmel überbelichtet ist und „ausblutet“, schreiben „Boah, dein Himmel da ist ja eine einzige weiße Fläche, die noch dazu in die Landschaft am Horizont reinstrahlt und das Bild völlig kaputt macht“ – jemand, die/der mit etwas Ambition fotografiert, weiß das und dürfte schon selbst zur Genüge grob unglücklich über diesen Mangel sein. Oder darüber, dass einem Bild irgendwie Dynamik und Stabilität gleichermaßen fehlt, weil der Horizont zu hoch oder zu tief hängt.

2008 mit Minolta Dimage Z1 Digiknipse
1/200 • f/5.6 • 24.0 mm • ISO 50

Im besten Falle sagt man das einem selbstbewussten Menschen, der ja dennoch einen Grund hatte, das Bild zu zeigen, eben weil irgendwas daran doch so „gut“ ist, dass er auf den Mangel, den es auch zeigt, einfach mal pfeift. Und damit auch darauf, dass irgendein Captain Obvious glaubt, ihn darauf hinweisen zu müssen. Im schlechtesten Falle tut man das einem Menschen an, der es noch nicht besser hinbekommen hat, und den man mit dieser Fokussierung darauf, warum das Bild „schlecht“ sei, verunsichert und dazu bringt, im Zweifel nichts mehr zu veröffentlichen oder gar zu glauben, man sei einfach zu schlecht, mit dem Ergebnis, dass da jemand etwas sein lässt, wo sie/ereigentlich Potential gehabt hätte, weil sie/er z.B. ein herausragendes Talent für Timing oder Perspektiven hat. Das dann nicht mehr genutzt geschweige denn ausgebaut würde.

Von unsicheren Menschen kann ich erst mal nicht erwarten, „Herausragendes“ geliefert zu bekommen. Denn herausragend kann man nur auf Gebieten werden, die einem „liegen“, wo das Talent den Durchschnitt übersteigt. Wenn ich ihnen aber die Teilbereiche, auf denen sie schon „gut“ sind, nicht sage, sondern im Gegenteil, ihnen (nur) vermittle, wo sie unterdurchschnittlich sind, dann sagt das Feedback: „Du bist unterdurchschnittlich, und zwar durchweg“. Denn die Unsicherheit verschiebt diesen Menschen den Blick ja sowieso schon, und ein solches Feedback bestätigt diesen verschobenen Blick. Wie gesagt, im schlimmsten Falle bedeutet das: die Person gibt auf.

Menschen, die sich zunächst darauf konzentrieren, ihre Mängel zu bearbeiten, die meist wo ganz anders liegen als ihr Talent, und dabei die Bereiche, auf denen ihre Talente zu finden sind, erst einmal liegen lassen, fällt es schwer, ein überdurchschnittliches Ergebnis zu erreichen, denn dort, wo sie sich anstrengen müssen liegt der Bereich, an dem sie mit viel Fleiß und Arbeit eben jene Durchschnitts-„Güte“ erreichen können – Aber eben auch nicht wirklich mehr. „Mit viel Fleiß und Arbeit“ bedeutet darüber hinaus: mit Anstrengung. Was wenig Spaß macht, also auch nicht wirklich der Motivation beiträgt. Das beste Ergebnis, das man erreichen kann, ist der Durchschnitt? Nein, das macht keinen Spaß. Das ist doch kein Ziel, das einen antreibt, „durchchnittlich gut“ zu werden!

Wenn sie sich aber stattdessen auf ihre Talent-Bereiche konzentrieren, dann können sie diese schnell über den Durchschnitt heben, und der Rest zieht dann automatisch mit, denn mit dem Spaß und der Motivation kommt auch Routine über den Rest einer Aufgabe ins Spiel, so dass sich die Mängel-Seite von ganz alleine verbessert, aber die Talentseite gleichzeitig überragend werden kann.

Das Problem ist für die meisten, ihre Talentseite überhaupt zu erkennen, sie sich bewusst zu machen. Denn was heißt denn Talent? Dass einem etwas leicht von der Hand geht, oft ohne genau zu wissen warum und ohne sich darüber bewusst zu sein, was man da eigentlich tut. Gerade weil es sich da um die Bereiche handelt, die man wie selbstverständlich aus dem Ärmel schüttelt ist einem oft nicht bewusst, dass das keine Selbstverständlichkeit ist. „Ach, das ist doch nichts“ ist da oft die Antwort und spiegelt eine Einschätzung der eigenen Leistung, die der Qualität dessen, was die Person da abliefert, überhaupt nicht entspricht.

„Das kann doch jeder, das ist doch nicht schwer, das ist doch selbstverständlich“ – nein, ist es eben nicht. Das ist, was man den Menschen sagen muss. Dass das, worauf sie am wenigsten achten, weil es ihnen am leichtesten fällt, genau das ist, was sie bzw. ihre Arbeiten außergewöhnlich macht oder machen kann. Positives „supportive“ Feedback hilft der so „kritisierten“ Person, sich besser einschätzen zu können. Und das, was sie derzeit noch mehr oder weniger unbewusst „gut“ macht, zu kultivieren, ins Bewusstsein zu holen, auszubauen, um zu wissen, was man da eigentlich tut und das dann mit überraschend wenig Mühe auf Qualitätsstufen zu heben, die ein Werk in diesen Bereichen „überragend“ machen.

Der Ehrgeiz und damit auch die Motivation, das Drumherum dann auch noch zu perfektionieren, kommt dann von ganz alleine. Und die Fähigkeit, das auch zu schaffen, ebenfalls. Die Überdurchschnittlichkeit auf dem Gebiet der Stärken zieht alles andere automatisch mit, denn wenn man Spaß hat an dem was man tut und „zufrieden“ mit dem, was man schafft, dann tut man mehr. Und wer mehr tut wird routinierter. Und wer Routine aufbaut, der/dem fallen Dinge leichter – auch die, auf sie/er sich gar nicht so bewusst konzentriert. Oder vielleicht sogar: gerade deshalb, weil die Hauptkonzentration wo anders liegt.

Erst dann, wenn ein Mensch dermaßen „aufgebaut“ ist, kommt das Feintuning, und das kommt dann auch von ganz alleine. Also die Fragen z.B., wie man diesen oder jenen kleinen Mangel noch beheben könnte, um etwas durchweg hammermäßig hinzubekommen. Eine selbstbewusste Person, die motiviert ist und ambitioniert, herausragende Dinge zu schaffen, hat kein Problem mehr damit, sich auch über die Mängel eines Werkes zu unterhalten. Im Gegenteil, sie spricht das dann selber an. Eben weil sie weiß, dass sie eigentlich ein tolles Ergebnis hat – oder haben könnte, wenn in diesem oder jenem Detail noch etwas perfektioniert werden würde.

Entsprechend wird eine solche Person von ganz alleine Fragen stellen, die Mängel ansprechen und benennen. Um Antworten zu bekommen, die ihr helfen, diese Mängel auch noch zu beheben. Weil sie es selbst will, weil sie selbst ein rundum „perfektes“ Ergebnis haben möchte, einen perfekten Rahmen für das, was ihr Spaß macht, und das ebendas, ihr Talent und ihre Stärken, heraushebt und zur Geltung bringt.

Das ist eine völlig anderere Herangehensweise als erstmal den Rahmen aufzubauen und dann erst die Elemente auszubauen, die ein Ergebnis strahlen lässt. Das nämlich tut niemand. Da macht man irgendwann lieber einfach was anderes. Was was Spaß macht.

Und so ist dann auch meine weitere Erfahrung: irgendwann kommt jede Person, die etwas dadurch besser machen will, weil etwas zwar irgendwo ein richtig tolles Element beinhaltet, aber drum herum noch kleinere oder größere Mängel bestehen, das das Tolle daran trübt, von selbst an und will wissen, was man besser machen kann. Es kann durchaus vorkommen, dass diese Person dann eine Frage stellt, wie „Ich bin grundsätzlich ja super zufrieden mit dem Ergebnis, aber irgendwas stimmt nicht ganz daran, aus irgendeinem Grund fühlt es sich nicht so perfekt an, wie es sein könnte – sieht irgendwer, woran das liegen könnte?“ – Dann, und nur dann ist eine Mängelliste angebracht. Am besten gleich mit Tipps versehen, wie man sie beheben kann.

Sehr viel wahrscheinlicher ist, dass so eine Person die Mängel sowieso selber anspricht. „Verdammt, das wäre so ein tolles Landschaftsbild, aber ich bekomme die Belichtung nicht in den Griff, so das mir ständig der Himmel zu weiß wird – was mach‘ ich da falsch, kann mir jemand einen Tipp geben?“

Wie gesagt: wenn jemand ambitioniert ist, z.B. „gute Fotos“ zu machen, dann weiß die/derjenige eben meißt selbst gut genug, welche Mängel ein Bild hat. Man darf drauf warten, bis die/derjenige das selbst anspricht. Denn das wird sie/er.

Und zu guter Letzt noch: Leuten, die überhaupt nicht die Ambition haben, „tolle Fotos“ zu machen, sondern denen es genügt, z.B. auf einer Reise einfach quasi dokumentarisch zu knipsen, hauptsache, das, was man da sieht, ist irgendwie festgehalten, braucht man ebenfalls nicht mit Mängeln daher kommen. Denn die interessieren die betreffende Person nicht, im Gegenteil, man kann davon ausgehen, als blöder Besserwisser dazustehen, und das sogar zu recht.

Aber wenn man so jemanden trifft und man in seinen Knipsereien etwas entdeckt, das heraussticht, z.B. dass die/derjenige offensichtlich ein Auge für Bildausschnitte hat, oder für Situationen, oder Farben – dann ist es wiederum das positive, das „supportive“ Feedback, das es vielleicht schaffen kann, da Ambitionen zu wecken. Und damit ein Talent auszugraben, von dem die/derjenige gar keine Ahnung hatte, dass es da ist. Und dass sie/er Spaß dran haben könnte, etwas damit anzufangen und es auszubauen.

Kreuzberg

Nur 5 Jahre später, mit der Nikon D800
1/160 • f/6.3 • 26.0 mm • ISO 100

Also, beim nächsten Mal, wenn ihr bei jemandem kommentiert: fragt euch doch mal, wie ihr das eigentlich so macht, mit der „Kritik“. Wie ihr selbst das gerne hättet und wie ihr selber gelernt habt, zu kritisieren. Und fragt euch speziell, wenn ihr mal wieder glaubt, irgendwen auf einen Mangel hinweisen zu müssen, ob das wirklich das ist, was diese Person benötigt, um bessere Ergebnisse zu erzielen….


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

3 Gedanken zu “Kritische Massen

  • MartinM

    Mh, da hast Du einen für mich sehr wunden Punkt angeschnitten. Kritik ist etwas anderes als „Mängelisten abliefern“.

    Für die, die mich nicht so gut kennen: ich gehöre zu denen, die auf ermunternde Kritik schlechter klarkommen als auf „Mängellisten“, jedenfalls solange die „Mängelliste“ sachlich und höflich überbracht wird. Bei Lob wittere ich – auch aus schlechter Erfahrung heraus – allzu leicht Unaufrichtigkeit.

    Dabei stehe ich im Dilemma: einerseits brauche ich konstruktive Kritik – wobei die „Mängelliste“ allenfalls Bestandteil der Kritik ist, die ich gerne hätte, denn was ich mir erhoffe, sind Hinweise, wie ich besser werden kann. Wenn dann „höfliches Gesülze“ kommt, hilft mir das ebensowenig weiter, wie ein „Ablehnungsbescheid“.

    Um auf das Thema „Fotos“ zurückzukommen: ich gehören zu denen, die nicht die Ambition haben, “tolle Fotos” zu machen. Allerdings musste ich feststellen, dass mich – auch besserwisserische – Benennung von Mängeln trotz fehlender Ambitionen meinerseits mich tief berühren. Darin schwingt für mich – auch wenn es die Kommentatoren es nicht beabsichtig haben – der Vorwurf mit: „Was sucht so einer überhaupt in unsere (Ipernity-)Gruppe „Tolle Landschaften“ (fiktives Beispiel), wenn er doch nur einfach drauf los knipst?“ Ich habe also gefälligst ambitioniert zu sein, um „mitmachen“ zu dürfen, und ich habe „Mindeststandarts“ einzuhalten, um ernst genommen zu werden. Gut, wenn so etwas Bedingung bei einer Gruppe ist, trete ich erst gar nicht bei oder ziehe mich auf Hinweis zurück – etwa: „Nur für fortgeschrittene ambitionierte Amateurfotografen“, es also klare, deutlich benannte, Regeln gibt, „klare Ansage“, Wenn aber in einer Gruppe die „Könner“ unter sich bleiben wollen, das aber nicht klar kommunizieren, dann nervt das extrem. („Könner“ in Anführung, denn manchmal sind es leider die „selbsternannten Könner“, die andere ´runtermachen. Es gibt Fotos, bei denen ich am liebsten kommentieren würde: „Lieber Könner mit 42 Jahren Fotoerfahrung und der tollen, sauteuren Ausrüstung, das war wohl nix“, es aber lasse, weil so eine „Kritik“ nichts bringt 😉 .
    Aus meiner persönlichen Sicht

    • Sven

      Ausnahmen bestätigen bekanntermaßen ja Regeln, und wenn es einzelne Fälle gibt, die explizit „Mängel“ zu hören bekommen wollen, weil sie mit positivem Feedback nicht umgehen können, kann/sollte die/derjenige das deutlich (und in jedem Einzelfall) sagen. Das muss aber IMO immer vom Menschen ausgehen, von dem ein zu „kritisierendes“ Etwas stammt. Als „Rule of thumb“, vor allem aus der Warte eines Menschen, der auf etwas zugeht und von sich aus ein Feedback abgeben möchte (auch bei bestem Willem „zu helfen“, immer auch vorausgesetzt, ich rede hier nicht von Idioten, denen es Spaß macht, die Arbeit anderer Leute kaputtzuquatschen, denen gehts ja nicht um die Sache sondern nur um sich, denen gehört ein Tritt und sonst keine weitere Beachtung), taugt dieser „negative“ Ansatz IMO nicht, im Gegenteil, er produziert in der Regel IMO bestenfalls Mittelmaß oder erstickt gleich von vornherein ein Talent.

      Bitte aber eins nicht falsch verstehen: wenn ich von „supportive Critcism“ rede, also Benennung von Stärken, von Dingen, die „gefallen“, die man als Kritiker „gut“ findet, meine ich eben nicht irgendein nichtssagendes „Gesülze“ sondern eben eine Benennung von Dingen, die mir auffallen. Konkret und auf das Objekt bezogen. Ich merke selbst immer wieder, wie schwer mir, als jemand, der nicht mit dieser Form der Kritik-Kultur aufgewachsen ist, es fällt, wirklich solche Dinge zu benennen. Ich stelle fest: ich bin es nicht gewohnt. Ich weiß zwar, dass mir etwas gefällt, mich etwas beeindruckt, aber das, was dieses Gefühl verursacht, tatsächlich in Worte zu fassen (und nicht „nur“ das Gefühl selbst, worauf ich mich manchmal einfach beschränke, weil ichs anders nicht hinbekam in dem Moment) ist etwas, das ich nie gelernt zu haben scheine (denn sonst „könnte“ ich es ja ohne große Grübelei). Eine großartige Übung für mich ist da erwähnte FAWM-Community, wo ich an den Kommentaren der anderen mir gegenüber oder auch bei anderen Beispiele finde, wie man „das macht“, etwas zu formulieren, zu beschreiben, was genau einem da grade gefällt, was genau man toll findet. Ich muss da selbst noch einige Übung reinstecken, bis ich das Gefühl haben werde, dass ich das wirklich kann. Beleg dafür, dass das „Prägung“ und erlernte Methode ist – bzw. nicht erlernte ist – ist für mich, dass es mir tatsächlich dagegen gar nicht schwer fiele, die „Fehler“ in einer Sache zu beschreiben.

      Ich merke damit: ich bin tatsächlich dazu erzogen, wenn nicht gar konditioniert worden, negatives Feedback zu geben. Das „kann“ ich. Das hab ich gelernt. Und dass ich das eine kann und das andere (noch) nicht zeigt mir, dass es reine Lernsache ist – und ich habe den Ehrgeiz, mir das beizubringen und irgendwann so selbstverständlich auf Positives an einer Sache deuten zu können, wie ich es mit Mängeln auch gelernt habe und deshalb schon lange kann.

      Zu deiner Beschreibung dessen, wie – egal wie „gut“ oder nicht gut gemeint sie sein mögen – klassisch „deutsche“ Kritik bei dir ankommt: genau das meine ich: deine Reaktion wäre, sich von so einer Plattform zurückzuziehen. Oder gar, vom Fotografieren selbst. Leute wissen nicht, welche Motivation andere haben, diese oder jene Bilder zu machen und online zu stellen. Man geht – verständlich, aber oft fälschlicherweise – davon aus, dass die eigenen Motivationen allgemeingültig seien. Und vergrätzt andere.

      Und die Leute, die andere nur kritisieren, um sie kleiner – und sich selbst damit größer – zu machen, naja, die sind ja nochmal ein ganz eigenes Thema, weil es bei denen ja wirklich nicht um „Kritik“ oder sie „Sache“ geht sondern nur und ausschließlich um ihr eigenes Ego. Das nichts mit den Bildern dessen zu tun hat, die so jemand da glaubt, runterschreiben zu müssen.

      Speziell die „Ausrüstungsfetischisten“ sind da wirklich manchmal arme Schweine: geben abertausende Euro für Equipment aus, und „blondylock87“ haut auf Instagramm oder EyeEm oder gar facebook Fotos raus, die sie mit einem günstigen Smartphone der unteren Mittelklasse geschossen und einer umsonst-App wie Snapseed bearbeitet hat, und erntet zu Recht Begeisterungsstürme. Das kann Leute, die glauben, Talent könne man „kaufen“ schon mal so richtig die Erektionsfähigkeit kosten… 😉