Was soll das mit diesem „Straight out of Camera“?


In den letzten Monaten bin ich immer mal wieder über die Abkürzung „SOC“ oder „SOOC“ gestolpert, bzw. auch über Profile in Fotocommunities, in denen sich die Kontoinhaber dafür rühmten, ihre Bilder nicht „nachzubearbeiten“ – was dann wohl „Straight out of camera“ genannt wird.

Wenngleich ich durchaus den sportlichen Reiz sehe und anerkenne, ein Foto so zu schießen, dass man daran nicht mehr viel in Lightroom oder Photoshop drehen muss, um ein gut aussehendes Bild zu haben, so wundere ich mich oft, wie wenig manche(!) Verfechter dieses Prinzips über die Art und Weise zu verstehen scheinen, wie fertige Fotos – also Abzüge, sei es analog auf Fotopapier oder digital als JPG – entstehen. Anders kann ich mir jedenfalls die Mythen, die rund um diesen Ansatz herumspuken, nicht erklären.

Als Reaktion auf die inflationäre Tendenz der letzten Jahre, Bilder „überzubearbeiten“, mit all den bonbonfarbenen HDR-Bildern, die aus 3, 5 oder gar zig überlagernden Einzelaufnahmen zusammengesetzt werden, kann ich diese „Bewegung“ auch nachvollziehen, als so eine Art „zurück zur Natur“. Aber wenn man sich die Funktionsweise digitaler Kameras anschaut, muss man doch feststellen, dass sich manche Leute hier was vor machen, wenn sie glauben, dass diese Technik das „authentische“ Gegenstück zu nachbearbeiteten Fotos sei…

Speziell im digitalen Bereich ist es ja so, dass die einzige Möglichkeit, ein völlig „unbearbeitetes“ Bild zu bekommen, ist, die Bilder im RAW-Format zu speichern. Denn nur in diesem Format wird die Aufnahme nicht von den internen Bildbearbeitungsroutinen der Kamera verarbeitet sondern eben (nur) das abgespeichert, was der Sensor der Kamera liefert. Deshalb sind die Vorschaubilder von RAWs, wenn man sie auf dem Rechner in den RAW-Konverter der Wahl holt, im Normalfall eher unspektakulär: tendenziell etwas grauer, weil eben keinerlei Kontrast, Sättigung, Dynamik etc. optimiert werden.

Es sei denn, man bleibt in der Infrastruktur der Kamera, also z.B. arbeitet mit dem Konverter von Nikon, um Nikon-RAWs zu öffnen. Oder Canon. Oder Sony. Oder was auch immer. Da wird dann schon ein eventuell voreingestelltes Profil, das die Kamera dem RAW zugewiesen hat (einzustellen im Kameramenü) mit übernommen. Andere Konverter, z.B. Lightroom, lesen dieses spezielle Profil nicht mit aus, sondern liefern eine – allerdings auch schon nach eigenem Profil leicht optimierte – Vorschau, die deshalb meist stark von dem abweicht, was man in der Vorschau der Kamera zu sehen bekam, sofern man dort nicht alle Optimierungen (z.B. ein D-Light-Profil) abgestellt hat.

Die Logik hinter einem RAW-Format ist ja die, dass dieses Format deshalb gewählt wird, um mehr – heißt eine natürlichere Bandbreite – von Bildinformation zu erreichen, um daraus die Bereiche herausholen zu können, auf die es einem ankommt. Ich hatte das ja vor längerer Zeit schon mal hier beschrieben.

Das heißt, RAW wähle ich gerade deshalb, damit ich einen Abzug herausarbeiten kann, der im Idealfall genau das abbildet, was ich wollte und wie ich es wollte. Da ein RAW also explizit für eine Nachbearbeitung gedacht ist (weshalb man ein RAW ja auch nicht ohne entsprechende Hilfsmittel, sprich Konverter, der die Informationen auf eine Standard-8-Bit-Ansicht runterrechnet, „einfach so“ angucken kann), ist es auch logisch, dass so ein RAW erst einmal nach wenig aussieht. Also matt, grau, je nach Objektiv vielleicht sogar verzerrt, usw. – eben so „durchschnittlich“ wie möglich. Weil es sich nicht als Endergebnis sondern als Ausgangsmaterial versteht, das die Möglichkeit zu Optimierungen in möglichst verschiedenste Richtungen bereit halten soll. Und damit explizit nicht darauf ausgelegt, von vornherein möglichst „gut“ auszusehen.

Somit wäre ein RAW für „SOOC“ ungeeignet, weil die Kamera so ausgelegt ist – vom Objektiv bis zum Sensor – hier ein möglichst „durchschnittliches“ und damit flaches Ausgangsmaterial zu liefern, damit es möglichst viel Potential für verschiedenste „Abzüge“ beinhaltet.

Konsequenterweise müsste also direkt der „Abzug“ fotografiert werden, also das JPG. Ist das aber jetzt wirklich das „authentische“ Foto?

Wenn die Kamera selbst (nur) ein JPG abspeichert, also das Äquivalent zum analogen Abzug, den man sich ins Fotoalbum klebt, dann nimmt sie ebendiese RAW-Information und weist ihr eine ganze Reihe Parameter zu – macht also nichts anderes als die/derjenige, die/der ein RAW in einen RAW-Konverter reinholt, dort ein paar Optimierungen einstellt und dann ein JPG exportiert. Da wird also auch, je nach gewähltem Profil, die Objektivverzerrung ausgelichen, entrauscht, etwas nachgeschärft, eine Dynamik-/Kontrastkurve zugewiesen, die Sättigung optimiert usw. usf..

Der einzige Unterschied: es wird ein Standardprofil, das für jedes Foto gleich ist, zugewiesen (was ich genau genommen im Konverter natürlich auch tun könnte, z.B. indem ich einfach per Batch-Funktion einem kompletten Ordner ein Profil zuweise und in JPGs konvertieren lasse, ohne jedes einzelne Bild anzugucken.).

So wie früher, als man seine belichteten Filme zu Quelle schickte, damit sie diese entwickelten und Abzüge machten. Die Belichtungsmaschine hat dafür auch irgendeinen Standardwert gehabt, mit dem alle Bilder gleich aufs Fotopapier projiziert wurden. Und wenn ich die selben Negative woanders hinschickte, wo anderes Fotopapier und andere Grundeinstellungen genutzt wurden, sahen die Abzüge eben auch anders aus.

James Dean Bearbeitung

Dennis Stocks berühmtes James Dean-Portrait mit Bearbeitungsmarkierungen von Pablo Inirio (Quelle)

Wenn ich ein Negativ aber zu einem Fotostudio brachte, das aus genau diesem Bild einen möglichst guten Abzug machen sollte, dann war das zwar teuer, aber es kam auch ein weit besserer Abzug raus, als jede Standardeinstellung einer Maschine es konnte. Logisch, wenn man eine auf ein spezielles Negativ und auf das gewünschte Ergebnis abgestimmte Belichtungszeit, Entwicklungszeit, Papier etc. pp. anwendet. Und da ist noch nichts abgewedelt, partiell extra belichtet, gefiltert und was es alles noch so an Möglichkeiten gibt, ein analoges Bild zu optimieren. Und natürlich wurden und werden diese Möglichkeiten von Analogfotografen auch schon immer genutzt. Auf dem Blogartikel, wo ich das James Dean-Foto fand, gibts noch viel mehr tolle Beispiele. Den hab ich mir gebookmarked, um ihn jedem um die Ohren zu pfeffern, der mir mit dem Blödsinn „Ein richtiger Fotograf, der was kann, muss nichts mehr nachträglich an seinem Bild schrauben. Früher gabs auch kein Photoshop!“ daher kommt 😀

In digitalen Zeiten ist das nicht anders, wie gesagt: ein in der Kamera erzeugtes JPG ist nichts anderes als ein Abzug eines RAWs, das durch ein entsprechendes Bearbeitungsprofil gegangen ist. Das heißt, so ein JPG ist technisch kein Unterschied zu einem, das nach einer entsprechenden Bearbeitung über einen RAW-Konverter erzeugt wurde. Außer dem, dass es keinerlei individuelle Rücksichten auf das jeweilige Motiv nimmt, sondern jede Aufnahme mit den selben Werten nachbearbeitet.

Ich möchte allerdings auch nicht falsch verstanden werden, denn wie anfangs gesagt: das kann ja durchaus als eine sportliche Herausforderung genommen werden: eine Aufnahme so zu machen, dass ein mit einem Standardprofil erzeugter Abzug so gut wie möglich aussieht. Also so wie früherTM, wenn man seinen belichteten Film für Abzüge in ein großes Fotostudio, zu Quelle oder wohin auch immer schickte, weil man selbst kein Fotolabor im eigenen Badezimmer unterhielt oder sich nicht den Gang zu einem individuellen leisten konnte oder wollte.

Ich gebe zwar zu, dass ich mich in dem Fall frage, warum das jemand tun sollte, denn damals machte man das halt, weil man selbst keine Dunkelkammer hatte oder selbst wenn, diese nicht für jeden Urlaubsfilm aktivieren wollte, weil es einfach ein riesen Aufwand war, wenn man nicht wirklich ein komplettes Zimmer der Wohnung dauerhaft für eine solche Funktion zur Verfügung stellen konnte, und das dürften die wenigsten gewesen sein. Es ist ja eben der große Vorteil der digitalen Technik, bzw. eine große Freiheit, dass so eine digitale Dunkelkammer (Also ein PC und eine entsprechende Software) vergleichsweise günstig ist, so dass die Eintrittsschwelle in den Zustand, das beste aus seinen individuellen Bildern rausholen zu können, in keinem Vergleich mehr steht zu analogen Zeiten. Man kann sagen, dass die digitale Revolution hier tatsächlich eine Demokratisierung ermöglicht hat.

Ich möchte niemandem den Spaß an dieser sportlichen Herausforderung nehmen. Aber ich möchte doch schlicht darum bitten, hier keinen Mythos um „SOOC“ aufzubauen, der a) faktisch schlicht nicht stimmt und b) behauptet, „SOOC“ sei in irgendeiner Form die „wahre“, die „authentische“ Form des Fotografierens, und Nachbearbeitung von Bildern sei ein Zeichen dafür, dass ein Fotograf sein Handwerk oder Hobby nicht verstehe und deshalb „schummeln“ müsse.

Es geht nicht um die Frage „Nachbearbeitung oder keine“. Sondern schlicht um die Frage „Wohin möchte ich mit meiner Nachbearbeitung“. Also wie das Bild aussieht, das am Ende rauskommt. Und dafür ist es völlig egal, wie es nachbearbeitet wurde, also individuell händisch oder automatisiert innerhalb der Kamerasoftware. „Bearbeitung“ ist nicht das selbe wie „Verfälschung“. Ob ich ein knallbuntes HDR erzeuge oder eine möglichst naturnahe Wiedergabe wird nicht über die Frage „ob“ ich nachbearbeite bestimmt. Sondern über die nach dem „Wie“ bzw. „Wohin“.

Also: habt Spaß, die ihr „SOOC“-Bilder schießen möchtet, an dieser technischen Herausforderung, möglichst auf das aktive Bearbeitungsprofil der Kamera passende Einstellungen zu finden. Ich habe sehr sehr tolle Fotos gesehen, die mit diesem Kürzel gelabelt wurden.

Aber denen unter euch, die aus „SOOC“ einen Mythos machen und daraus eine Arroganz entwickeln gegenüber denen, die ihre Bilder im „digitalen Fotolabor“ bearbeiten und ihre Abzüge über diesen Weg erstellen sei gesagt: ihr macht euch was vor.

Kleiner Rant Ende 🙂

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